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Faust - So far
FAUST - SO FAR (1972)
Diese Überkult-Gruppe wurde unter der Ägide des Musikjournalisten Uwe Nettelbeck, quasi hochgezüchtet, angeblich auch inspiriert von den Erfolgen der Bands Kraftwerk, und Can. Mit einem saftigen Vorschuß von der Plattenfirma wurde eine alte Dorfschule zum Tonstudio (Wümme) umfunktioniert, in dem man der etwas unkonventionelleren Klangforschung frönte. Oh Yeah!
Ihr zweites Album "So far" schickt sich an, den Reigen zu eröffnen und erleichtert auch den Eintritt in die Faust-Welt ein wenig, im Vergleich zu Debut (eine größenwahnsinnige Geräusch-Rockexplosion, die später noch zu Ehren kommt).
Ein wildgewordenes Buschschlagwerk eröffnet stoisch "It´s a rainy Day, Sunshine Girl" (7:21). Dann ein Ein-Finger-Klavier und die Kraut-Temptations aus Wümme! Monoton und wundervoll! Eine Gitarre schrammelt hinzu, als wäre "Waiting for the man", von den Velvets, hängen geblieben. Ein Break? Wie käme man denn dazu? Warum auch...Eine pastellfarbene Orgel und weißes Rauschen klingen milde wie aus dem Proberaum von nebenan rübergeweht. Dann kurz eine kachelnde Bluesharp. Und wieder dieser faszinierende vokale Undergroundsoul. Perfect catchy Madness. Ein kurzes Sax-outro bläst den Song davon.
"On the Way to Abamae" (2:42) beginnt mit transparent-entmystifizierter Akustikgitarre und ist dennoch total traurig und lakonisch, wird von einem weinenden Synth konterkariert. Eine wunderschöne Vignette.
Düster pastoral und mit Western-Bläsern (!) beginnt "No Harm" (10:09). Dezent wie eine unfreiwillige Portishead Persiflage, aber nicht falschverstehen: Sehr bewegend und berührend, das Ganze.
Sgt. Pepper läuft kurz rückwärts durch das Bühnenbild und dann gehts endlich los. Dunkler Industrial Funk aus der Bronzezeit mit verstrahltem Krautshouting und vollkommen kaputter Fuzzgitarre. Prada Meinhof. Sehr sublim und zeitlos. Hier blitzt ihre schiere Größe auf. Man knödelt sich ungelenk durch Beats und zerhackt dezent die eigenen Klänge. Ein seligmachender Irrsinn; im Faust-Garten gedeihen sehr seltsame Krautgewächse. Avantgardisten mit Präpunk Besessenheit.
Mit fernöstlichem Tapeterror gelangen wir zu "So Far" (6:12). Suzie Q verschmilzt mit Oswald Kolle. Ein semierotischer Klangfilm, der farblos dahinblubbert und bei jeder anderen Gruppe unerträglich wäre. Aber Faust machen das auf ihre Art, welche später auch noch, als eins ihrer Markenzeichen, kultiviert werden wird. Psychovoodoo zum Schluß und ein nahtloser Übergang in "Mamie is Blue" (5:55). Ein Beat erweckt zum Leben. Und was für ein Beat! Es erinnert an Neu! und auch an die frühen Sounds von Depeche Mode (die angeblich Reste von den Neubauten waren). Allerdings hundert Jahre vorher, das Ganze. Extrem verstörendes Experiment und dennoch nicht ohne Popappeal. Oh Gott, ist das so herrlich schräg und wirr. Da sind Drogen mal wieder völlig obsolet. Faust fahren gerade den ultimativen Trip. Umwerfend!!! Ein düsteres Outro erteilt Landeerlaubnis und Heimkehr.
Dann wirds albern bis fluffig. James Bond Gitarre prallt auf völlig weggetretenen Comic-chor. Oder anders: Brian Wilson trifft die Peanuts auf... i don´t know... Mit "I´ve got my Car and my TV" vermutlich halbwegs passend umschrieben.
Und ohne Pause in "Picnic on a frozen River". Italo-Comedysound trifft auf den jungen Cousin von Pharoah Sanders. Dann ein Nichtgitarrensolo, aber das richtig gut . Faust sind in ihrem Dilettantismus, absolut toughe Vollprofis! Da kann selbst Helge Schneider nichts mehr entgegenhalten.
"Me Lack Space", ein kleiner 40 Sekünder Krautjazz-Minimalverarsche. Sehr schnittig...
Dann eine Geräuschkakophonie aus der Klapsmühle: "In the Spirit" (2:59); wo sonst? ...mündet dann aber doch noch vorzeitig in Dixieland Sabotagen aus Krauthausen und scheut sich nicht einmal vor "Hardbop-Blankziehern" dazwischen. Ach je! Faust sind verrückt! Faust sind genial! Faust sind total verrückt! Faust sind total genial! Sie schocken auf romantische Art, schrieb ich mal an einer anderen Stelle. Sie sind nicht ohne Grund noch immer existent! Grab this shit!!!
Cover:
http://www.progarchives.com/progress...3492282004.jpg
Gila - same
GILA - SAME / aka Free electric sound (1971)
Fast vier Jahre war ich hinter dieser CD her; sie war sehr lange vergriffen, doch inzwischen gibt es wieder Nachschub. Die Platte wird sehr oft als progressives Rockmeisterwerk gelobt. Es ist eine der frühesten eigenen Produktionen von Dieter Dierks. Conny Veit spielt Gitarre und singt. Er wurde später festes Mitglied bei Popol Vuh.
Es beginnt mit einer Wellenbrandung und Sturmgeräuschen...eine kosmische Stimme annonciert die Band. "Aggression" (4:33) beginnt sehr Hendrix-like, allerdings sehr abgeklärt. Die Gitarre spielt tolle Licks; die Band rockt tight und astrein dazu. Eine Hammond heult im Hintergrund. Ein mustergültiger Opener, ohne jeden Schnickschnack, sehr professionell und einfach perfekt.
Danach ganz sanftes Wassergeblubber, Geisterklänge wehen von ganz weit her. Eine verwaschen-verhallte Gilmour-mäßige Gitarre, ein Hypnose Bass in vollem Feeling und ein Soft Machine Synth an den Rändern. Auch "Kommunikation" (12:47) erzeugt sofort diesen tiefen und geerdeten Groove, der einen wunderbar (davon-) trägt. Kosmischer Gesang (in Englisch) stimmt nach einer Weile an. Die Arrangements sind straff aber atmen wie ein lebender Organismus. Die Solo-spots dienen der Atmosphäre, nicht den Egos. Die Musiker agieren dazu sehr frei und reizen ihre Instrumente geschmackvoll aus, ohne damit anzugeben. Pink Floyd + Kraut von Jazzern gespielt? Sehr cool, das Ganze. Nun echolastige, trippige Soundscapes von Conny Veit; -ein herrlicher Klampfer! Eine vollberauschte Orgel trägt auch ihre galaktischen Teile zum Gesamtbild bei. Man treibt mit der Musik immer weiter hinaus. Weltall und Erdenklang werden zu einem "Ton-Yin-Yang". Ein sehr spaciges Outro mit schönem Psychologie-Mantra bringt uns wieder Heim.
Geheimnisvoll und spooky eröffnet "Kollaps" (5:30); wie eine Verschmelzung aus Doors, Nick Cave(!) und den entrücktesten Ummagumma Momenten. Eine verirrte Säuglingsseele lamentiert dazu; die Gitarre spielt Dinge, die man nicht glauben mag. Eine extraterrestriale Bluesmesse, an der auch Sun Ra seine Freude gehabt hätte...dann klingt sie leise und einsam aus...man glaubt die Sterne funkeln zu hören...
Eine einsamer Space-lemming ruft ständig: "Hallo? Hallo?...; Edgar Froese bringt dazu seinen Uralt-Synth in Tune. Ein Rückwärtseffekt und plötzlich eine akkustische Gitarre wie aus dem Garten Eden. (" Kontakt" / 4:30) Östlich gefärbt und eine Stimmung zaubernd, die man selten zu Gehör bekommt. Pickings greifen ineinander und nehmen manche spätere, internationale, Großtat voraus. Sehr liebevoll-dreamy und ganz dezent melancholisch.
Per cleaner Wahwah-Licks fließen wir nahtlos in "Kollektivität" (6:30) hinein.
Die restliche Gruppe stößt verhalten zur Klangmalerei hinzu; luftig und federnd geht es unaufdringlich voran. Die Stimmung erinnert an die Allman Brothers, wenn sie eine Krauttruppe gewesen wären. Auch die Sounds sind sehr authentisch und lassen nichts auf sich kommen. Der individuelle Reiz von Gila ist echt bemerkenswert. Die Karawane jammt weiter, zapft das universelle Musikbewußtsein an.
Mit einem perkussiven Drum Solospot, der nächste fließende Übergang in, ja, "Individualität".
"Sympathy for the Devil" für Sinnsucher, ist der erste Eindruck. Kosmischer Klang wird aus allen Richtungen dazugemischt. Vögelschwärme, seltsame Noises, Echomaschinen und nach sträflich kurzen (3:36) geht ein noch sträflicher kurzes Album tatsächlich schon zu Ende. Schade, dass niemand von Can mitproduziert hat ...die weitere Ausdehnung hätte sicher nicht wenige noch seliger gemacht. Aber es ist wie es ist, und man kann die Scheibe eh nicht zu Tode spielen. Sie bleibt heiß!
Auch hier, abschließend, nochmal ein mehr zugängliches Werk, welches dennoch in keiner Sekunde Eigenständigkeit vermissen läßt als auch zuhauf diese spezielle Magie versprüht, um die es hier immer wieder geht.
Besonders zu erwähnen auch das extrem feinfühlige Reissue Artwork von Second Battle, mit Miniposter... very delicious
Cover:
http://www.insideoutshop.de/images/Gila2.jpg
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La Düsseldorf - Same
LA DÜSSELDORF - SAME (1976)
Dieses Unikum von einer Band wurde vom ehemaligen Kraftwerk- und Neu!-Mitglied, Klaus Dinger ins Leben gerufen. Klaus war, verglichen mit Michael Rother, wohl eher extrovertierter Natur, was ihm auch manchmal negativ nachgesagt wurde (Sein legendärer Besuch in Forst, um mit Rother, Moebius und Roedelius eine Kraut-Supergroup zu gründen wurde ja vereitelt, da sie ihm Geldgier und Popstarallüren unterstellten). Er ließ es sich dennoch nicht nehmen, seinen eigenen Kult zu begründen, schon auch dezent an Neu! angelegt, aber auch mit deutlich eigener Handschrift. Und wenn man das bewegende Nachtcover betrachtet und die dekadent-verstiegene Rückseite konträr dazu, kommt man zu dem Ergebnis, dass diese Gruppe wohl Tiefgang mit feudalem Pop vermengen wollte. Und dann irgendwie auch tat. Irgendwie, weil trotz allem deutliche Krautaspekte durchschimmern, aber andererseits auch, weil das Ganze zwar sehr eingängig wirkt, aber man sich bei dem Verdacht erwischt, dass da irgendein gefährlicher Subkontext lauert und uns jeden Moment anspringen wird. Klaus Dinger hatte das Charisma eines Krautglamrockers. Womöglich war er sogar der Einzige; ich bin davon überzeugt, dass die Liebe zur Kunst seine Antriebsfeder war. Möglich, dass manche ihn menschlich falsch verstanden haben. Er war halt ein Original, durch und durch, aber zum Glück kann man dies wenigstens über seine Musik ungefiltert und in seiner ganzen individuellen Pracht nachvollziehen!
Bezeichnend auch, dass ausgerechnet David Bowie über La Düsseldorf gesagt haben soll "The soundtrack of the Eighties"... den hatte er doch bereits erfunden, oder? ...anyway, lassen wir die Musik sprechen...
Das Debut beginnt mit "Düsseldorf" (13:17). Geräusche von einem Flughafen und die Maschine kommt sofort in Fahrt. Der Drumbeat klingt wie immer göttlich und fast rituell; eine rhythmische, verhuschte Gitarre und luftige Synthesizer. Und die typische, singende Leadgitarre, die wir auch ähnlich von Neu! kennen. Charmanter Gesang/Nichtgesang der sich bewußt wenig Mühe macht und ein feines Flair erzeugt. Discokraut trifft Softpunk... Die gleichförmige, motorische Stimmung trägt den Song perfekt. Synths zwitschern, kurze Gitarrenbreitwände krachen rein. Und dann wieder flockig weiter im Takt. (manchmal fühlt man sich auch leicht an die lieblich-flotteren Stücke von Kraftwerk erinnert - Stichwort Sound: sehr gut produziert, das Ganze - Conny Plank, mal wieder). Die Textfetzen sind sehr crazy-verspielt und machen sich über naheliegende Klischees sehr lustig ohne sich jedoch aufzudrängen. Man kann sie auch als Klang genießen... Gegen Schluß steigern sie sich in eine fesche Coda und landen in einem kurzen kosmischen Lullaby.
"La Düsseldorf" (4:28) beginnt man im Fußballstadion. Daraus schält sich ein Megastampfer, dem ersten Thema durchaus ähnlich, aber jetzt viel kompromissloser und wieder mit "schönem" Text über Schickimickis, Möchtegernganoven und co. Zuckerpop, Schmusepunk, NDW-Wort-Embryonen. Erinnert auch sehr an Neu! mit Gesang, irgendwas erinnert mich daran auch an die späteren Spliff. Die Attitüde zwischen den Zeilen vermutlich...
Dann kommt "Silver Cloud" (8:01), welches man als Maxisingle damals in vielen Diskotheken hören konnte und was wohl auch sowas wie ein hiesiger Hit war. Ein verträumter Synth wird auf den typischen Midtempo-Beat draufgelegt. Neben einer schönen Kraut-dengelgitarre kommen manchmal sehr fette, orchestrale Riffs von einer zweiten Gitarre dazu. Sehr stylish und gut abgehangen, die ganze Chose. Und immer wieder verträumte kurze Breaks dazwischen - ungewöhnlich und mutig für einen Tanzhit. Vielleicht war es ja auch ursprünglich gar nicht so geplant... Einfach ein aufgeräumter, lässig groovender Track, der coole Stimmung verbreitet.
Wir kommen zum Schlußstück, welches "Time" (9:24) heißt. Dieses schöne Teil perlt ganz ohne Hast und angenehmst kontemplativ aus den Speakern.
Man könnte endlos dazu träumen, doch dann setzt doch noch der Rhythmus, unaufdringlich aber sehr bestimmt, ein. Ein fester Puls ohne Hektik.
Auffällig an dem Song, ist die simple Spielerei mit der "Zeit"-Thematik in scheinbar völlig naiven Textsequenzen. Nebenläufig tun sich dabei kritische Abgründe auf, die man beachten kann, oder ignoriert.
Ich finde diese spezielle lyrische Qualität sehr besonders, auch weil sie es schafft, zahlreiche Ebenen zu streifen. In mir löst es wieder dieses alte Gefühl aus, dass sich viele Krautler einfach oft wohl bewußt zurückhielten. Es war wohl definitiv nicht schick, den Mucker oder Brainiac rauszukehren. Schade, dass man das teils noch immer als Dilettantismus und verpeilte Freakigkeit fehldeutet... naja, besser als Verramschung, ich gestehe... 
Ja, ein Klassiker. Und wieder ein leicht zugänglicher, aber damit ist bald Schluss...
Cover:
http://www.progarchives.com/progress...1912112009.jpg
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Tangerine Dream - Alpha Centauri
TANGERINE DREAM - ALPHA CENTAURI (1971)
Die Biografie von Tangerine Dream ist, gelinde gesagt, eine sehr abenteuerliche. Es lohnt sich, an den verschiedenen Stellen darin zu schmökern; diese Band um Mastermind Edgar Froese, hat wirklich was erlebt und auch die verschiedensten Inkarnationen durchwandelt.
Ihre frühe Phase, um die es hier gehen soll, war von einem besonderen Experimentiergeist geprägt. Alben als auch Konzerte waren größtenteils improvisiert und musikalische Schnappschüsse des Augenblicks. Desweiteren gelten sie auch als Elektronik- und Synthesizerpioniere.
Anfangen möchte ich mit ihrem zweiten Album, welches unter sehr bescheidenen technischen Produktionsbedingungen entstand. Man hatte klare Visionen, aber die Umsetzung brachte Schwierigkeiten mit sich.
Auf Alpha Centauri gab es auch noch keinen Synth. Man erzeugte Klänge mit einfachen elektronischen Geräten wie z.B. diverse Orgeln kombiniert mit Effekten. Es heißt, die Platte entstand unter der Inspiration von dem modernen Komponisten György Ligeti. Außerdem war hier zum ersten Mal von "kosmischer Musik" die Rede, welche später ja dann sogar zur Gesamtphilosophie des Ohr-Labels erhoben wurde. Der Albumtitel rührt, passend dazu, von einem Sternsystem her.
Ladies and Gentlemen, fasten seat belts, we are reaching another Galaxies:
Den Beginn macht "Sunrise in the third System" (4:21). Ohne jeglichen Rhythmus schicken interplanetarische Gitarren ihre perlenden und klagenden Klänge in die Umlaufbahn. Eine dumpfe Orgel tönt schwer dazu. Wimmernde und leidende Slidetöne vermischen sich mit Oszillatoren; der Sternenwind weht Flötenklänge aus weiter Vergangenheit darüber. Der Organist setzt sich durch und drückt alles an die Wand. Eine fordernde Musik, die vermutlich lachhaft primitiv produziert wurde, aber das absolute Maximum an Atmosphäre und Stimmung frei macht.
Nach dem kurzen Auftakt gelangen wir in "Fly and Collision of Comas Sola" (13:20). Spaciges Gezwitscher, Milchstraßen-Vögel oder Unbekannte Flugobjekte; herumgeisternde Seelen??? sehr experimentell das Ganze; kein Gramm Mainstream hier! Eine depressive E-Gitarre zupft leise im Hintergrund Akkorde. Dann schwellt eine beschwörende Orgel in dieses Bild und bildet ein Zentrum. Die Flöte unserer Urahnen erzählt ihre sehnsüchtigen Geschichten dazu. Und immer wieder kreisen machtvolle Spaceeffekte um dieses musikalische Landscape. Echo´s schaukeln sich hoch und zaubern eine äußerst unwirkliche Szenerie. Der traurige Sternenblues läuft stoisch und verträumt weiter. Daneben ein Erdrutsch an Tonmutationen. Fremdartig, unerhört, aber nicht obszön daneben. Riesige Pauken fügen sich ein. Man hört einen 5 Meter großen Urmenschen darauf den Rhythmus aller Kulturen zugleich zelebrieren. Zuerst sachte und dann fast gewalttätig entfesselt und roh. Wer ist das? ...würden wir gerne noch fragen, aber wir sind schon viel zu lange, völlig selbstvergessen, gefangen und gebannt in dieser Metawelt an Urklang und prähistorischem Wumms. Ohrenkino par Excellence! Fast nicht zu beschreiben. Augen zu und vollkommen eintauchen (was natürlich für das ganze Album gilt, es benötigt völlige Aufmerksamkeit).
Der extreme Longtrack "Alpha Centauri" (22:04) ist zugleich Kernstück, als auch Schlußnummer. Sehr verhallte und sanfte Beckenklänge umrahmt von weltfernen Elektronen schaukeln sich dynamisch auf und ab. Dröhnende Traumklänge, die jenseits von schön und häßlich angesiedelt sind, bringen den Raum zum Schwingen. Es klingt alles so eigenartig und völlig fremd; entzieht sich fast jeglicher Beschreibung. Eine leise Querflöte erinnert dezent an unseren ehemaligen Heimatplaneten. Wir treiben durch schillernde, ehrfurchtsgebietende Sternbilder. Gravitationslos und erschlagen vor nie gesehenen Sinneswahrnehmungen. Faszination und die Angst vor dem gänzlich Unbekannten liegen haarscharf nebeneinander. Schmeichelnder Wohlklang und nebulöse Atonalität wollen um jeden Preis eins werden. Eine akustische Zerreißprobe vor der Kulisse des gesamten Universums! Was für ein Film, Leute! Diese Klänge scheinen dermaßen auf die subjektive Wahrnehmung hin erschaffen worden zu sein, dass man es kaum glauben kann. Eine objektive Betrachtung wird fast unmöglich. Der Zuhörer wird ein Teil des Trips, der Trip ein Teil von einem selbst. Ein Effekt wie eine bewußtseinserweiternde Substanz; zum Preis eines Tonträgers... Keine Nebenwirkungen... ganz sicher?!!!
Flötenspiel und choralähnliche Klänge verstärken das ganze Geschehen in eine sehr pastorale Direktive. Unsere kosmische Symphonie nimmt sehr spirituelle Züge an. Aber immer wieder ächzen und stöhnen total verdrehte Untertöne auf. Was ist das bloß für eine wahnsinnige Klangeruption, die wie zähes und fettes Lava durch den Raum blubbert, wie ein gewaltiges Naturspektakel? Es ist einfach unglaublich und wohl auch nie wieder reproduzierbar...
Zuguterletzt wird ein kosmischer Prophet eingeblendet, welcher Weisheiten über den Geist und die Liebe und das ewige Leben verkündet...
Der Chor der verlorenen Seelen erhebt sich noch einmal neben einer brutalen Orgel aus der Unterwelt. Die Stimmen windschief und dennoch betörend intensiv. Ein ungekünsteltes Urmenschenchaos wie aus dem Bilderbuch. Und dann, ganz sachte, wird unsere spirituelle Sternensséance ausgefadet und hinterläßt uns fast wie nach einer Rückführung.
Spirituelle kosmische Musik, voller heiliger Krautmagie. Eine wahre Sternstunde. Ein Klassiker für alle Ewigkeit. Aber nur für fortgeschrittene Weltraumreisende Holy holy Magic, and strange wonderful Beauty!!!
Cover:
http://upload.wikimedia.org/wikipedi...a_Centauri.png
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Can - Monster Movie
CAN - MONSTER MOVIE (1969)
Und endlich Can. Unendlich Can!!! 
Neben dem Debut von Amon Düül II, waren fast zeitgleich, Can dafür mitverantwortlich, einen Anstoß zu geben, einen neuen Impuls.
Die Emanzipation begann, man bemühte sich, jenseits der amerikanischen und englischen Vorgaben, um eigenständige Artikulation. Mit dem folgenden Album begann also auch, ein stückweit, die Geschichte des später sogenannten Krautrocks.
Can, eine gleichberechtige Ideenschmiede, mit Erfahrungen von Stockhausen bis Free Jazz, und mit dem Ziel, jene in einer neuen Art von Rock zu bündeln.
H.Czukay: "Wir sind ein ziemlich lautes Kammerorchester". Die Band versteht sich auch als Stimme des Protests; man machte Aufnahmen von den Pariser Strassenschlachten 1968 und vermischte jene auch mit Livemusik. Aus langen Jamsessions schnitt man Stücke, von denen man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, dass sie damals ohne Zuhilfenahme der Mehrspurtechnik zustandegekommen sein sollen.
Irmin Schmidt bezeichnet die Musik auf dem Album nicht als visionär, sondern als geistesgegenwärtig: "Geistesgegenwart heißt, dass ich in dem jeweiligen Moment genau das sage, was gesagt werden muss. Diese geistesgegenwärtigen Aussagen in der Kunst sind jene, die haltbar sind. Das nennt man später visionär. Man definiert einen persönlichen Moment, der sich mit einem historischen so präzise deckt, dass ein Stück Kultur entsteht, an das man sich auch später noch halten kann. Etwas davon haben wir sicher auch gespürt. Wir wussten, dass wir ziemlich präzise etwas ausgedrückt hatten, was wir alle empfanden."
Ein extrem allumfassendes Statement zu ihrer ohnehin radikalen Herangehensweise und auch Offenheit, dürfte dann auch noch die völlig magische Integration des afroamerikanischen Sängers Malcolm Mooney gewesen sein. Das dürfte zu der Zeit in Deutschland auch ein ziemliches Novum gewesen sein. Er stammte aus New York, war eigentlich Künstler und hatte nie zuvor in einer Band gesungen. Aber dazu gleich mehr...
Der ursprüngliche Begleittext auf dem Album las sich wie folgt:
Eine neue Richtung ist geboren...
Modern Art & Jazz & Beat & Stockhausen Komplex = THE CAN
Neue Musik voller Vorurteile, keine "sexy swinging Effects". Talente, die sich einordnen wollen, aber nicht können. Konservatorium ohne Notenpult (Der Dirigent sitzt an der Orgel). THE CAN bleiben immer 5 Solisten (eine Supergroup?) Wozu arbeiten sie denn zusammen? .... "Weil es die beste Gruppe ist, die wir je vom Kontinent gehört haben!" meinen englische Experten. (Text: Karlheinz Freynik)
Kommen wir zum Album:
Eine zitternde Orgel eröffnet kurz; dicht gefolgt von einem sehr eigensinnigen Basslauf und monotonem Drumbeat. Eine Velvets-artige Schrammelgitarre konterkariert lethargisch dieses Geschehen. Malcolms beschwörende Stimme erhebt sich über dem Ganzen und man meint, er reißt die Band in die Visionen seiner Urahnen mit hinein. Sie folgen ihm willenlos, und geben ihr letztes Hemd für diese Musik, dieses Ritual namens "Father cannot yell" (7:01) Michael Karoli gibt uns ein ausgeflipptes Freakgitarrensolo vom allerfeinsten, welches klingt, als hätte Jimi Hendrix, wie völlig besessen, über das Equipment des frühen Mike Oldfield abgerockt. Der Song bezieht seine Schönheit weniger durch viel Abwechslung, als durch die tranceartigen Wiederholungen und durch sehr geschmackvolle Kleinigkeiten. Die Urseele wurde connected, der Rest fließt von selbst. Was für ein Einstand!
Und dann eine kaputte Cleangitarre, die traurige Akkorde anzupft oder anzapft?! In "Mary, Mary so contrary" (6:16) stimmt Malcolm eine tiefbluesige Melancholie an und der Rest trottet mit hypnotisch-lethargischem Rhythmus hinterher. Eine singende E-gitarre schlängelt sich schreiend und grell und dennoch perfekt inszeniert durch die noch offenen Löcher. Wie Robert Fripp auf "Heroes", nur etliche Jahre zuvor. Sauschön klingt das. Der Song hat Feeling ohne Ende. Es ist ein Genuß sich von ihm mitnehmen zu lassen, darin zu treiben...
Dann wird´s fetzig. "Outside the Door" (4:08) ist harter Underground-beat gemischt mit Kirmesorgel, Seemanns-mundharmonika und Mooney changiert darin zwischen schwarzer Beatnick-sophistication und psychotischem Urpunk.
Michael lässt seine Gitarre göttlich dazwischen aufheulen und haut mit ureigener Anarchie und Hemmungslosigkeit die Noten aus seiner Strat.
Die Nummer hat einen unwiderstehlichen Groove und Drive. Ein echter Krauthit von der freakigen Sorte, der mit einem asiatischen Monstergong ausgeläutet wird, dass einem fast der Kopf wegfliegt. Can in Overdrive. Wundervoll! Laut hören!!!
Womit wir in den Opus Magnus der Platte gelangen. "Yoo Doo Right" (20:11) basiert auf einem Brief, den Malcolm von seiner (Ex?)Freundin bekam, und aus dem er diverse Passagen in den Song eingeflochten hat.
Die Art seines Vortrags ist sowas von speziell und individuell empfunden, dass es schwer ist, Vergleiche zu finden. Wichtiger ist aber auch die Hingabe, mit der er das Ganze zelebriert. Wie ein liebestrunkener Schamane stößt er scheinbar verzweifelte, textgewordene Urlaute aus und erzeugt damit einen Klang, der vor Roots fast zerberstet. Die Band begleitet ihn zu Beginn noch hölzern und trocken-verspielt. Schließlich prescht Karoli´s Fendergitarre wieder mächtig in die Szenerie, als wäre Jimi´s Seele zum Kraut-astralkörper geworden und erfände sich uvm. hier gerade gänzlich neu. Und der Flow geht eine gute Weile astrein weiter.
Schließlich wird die Dynamik langsam runtergefahren.
Und wir kommen endlich zu einem ganz besonderen Herren: Jaki Liebezeit packt seinen Voodoo aus und steigert sich in einen Trommel-exorzismus hinein. Gekonnt, nein, wie ein besessenes Medium fließen seine Fills und Rolls aus ihm heraus.
Letztendlich nehmen sie den Faden wieder auf und setzen alle Einzelteile aufs neue zusammen... Selten war Repetition großartiger und erfüllender als hier.
Can wollen uns um den Verstand bringen und diese Musik macht einen aufs Schönste verrückt und setzt dabei alle Zensoren außer Kraft. Hier darf die Seele noch beben und ausflippen. Diese Aufnahme ist kein Statement, sie ist ein Bewußtseinszustand. Kein normaler Mensch ist fähig, solche Musik zu erschaffen. Can sind nicht mehr normal. Sie sind übersinnliche Krautmystiker und dadurch, dass sie mit ihrer Klangwelt eins werden, geben sie uns die Chance auch ein Teil dieser einzigartigen Einheit zu sein. Can sind der ultimative Trip.
Cover:
http://upload.wikimedia.org/wikipedi...AlbumCover.jpg
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Guru Guru - Ufo
GURU GURU - UFO (1970)
Eine Gruppe die ich besonders sympathisch und offenherzig finde, und die schon viel eher unsere Aufmerksamkeit hier verdient gehabt hätte.
Mani Neumeier (der Jazz und Avantgarde mit Irene Schweitzer gespielt hat; Damo Suzuki, Harmonia und Moebius kreuzten auch seinen Weg...) unterhält nun seit 40 Jahren dieses kuriose Krautunternehmen und wer jemals auf einem ihrer Konzerte war, der wird gestehen müssen, dass diese Band sich eine Menge Relevanz bewahrt hat und das sie immer noch frisch klingen, beziehungsweise, auch nicht müde werden, neue Facetten in ihre Musik zu intergrieren. Durch zeitweilig große humorige Anteile im Gesamtrepertoire, neigten wohl manche Zeitgenossen dazu, die Band als albern abzustempeln und sie nicht übermäßig ernst zu nehmen. Aber Guru Guru sind da ein wenig wie Helge Schneider. Sicherlich nicht so subversiv, aber mit einem lebendigen Humor ausgerüstet, der einfach sympathisch ist und auch noch viel schrägen Krautspirit versprüht. Man kann das ablehnen und doof finden, aber man sollte sie musikalisch nicht unterschätzen. Mani Neumeier hat immer Spitzenleute der Jazz-, World- und Roots-szene mit an Bord. Und ihre Offenheit garantiert ein immenses Spektrum an Stilistiken.
Ihr "Ufo" Album ist eine reinrassige Krautplatte. Manche anderen haben stärkere Rock-aspekte (z.B. "Hinten" oder "Känguru") , sind aber dennoch großartig.
Dann wollen wir mal ins Ufo klettern und schauen, was das Cover verspricht.
"Stone In" (5:42) beginnt mit als nette Free-rock Nummer, die an Cream, Who oder tatsächlich an die frühen Ufo erinnert. Aber alldas nicht so straight und bolzig, sondern im luftig-spacig-verspielteren Sound.
Tja, dann klinken sie sich plötzlich völlig aus. Das Schlagzeug driftet völlig ab, ohne jedoch den Boden unter den Füssen zu verlieren. Der Bass pumpt dröhnende Noten in den Äther, die Gitarre ist eine kosmische Stooges meets Jimi H. Verwandlung, die echt straight abspace´t. Immer wieder geraten sie in Grenzbereiche, dann ein Fadeout. An Funkadelic auf Kraut erinnert es auch.
Mit seltsamen Geräuscheinblendungen werden wir zunächst in "Girl Call" (6:21) verwirrt. Die Gitarre keift als würde sie gänzlich durch die Mangel gedreht. Bass und Drums geben spartanisch und verhalten den optimalen Rahmen dazu.
Und die Axt jault weiter, irgendwie sehr unbehaglich, aber es ist ein bißchen wie bei Scott Walker: Diese Dissonanz und der Wahn...sie stimmen fremdartig versöhnlich. Der Background braust dann auch endlich dazu auf, es klingt wie Hendrix mit Cream als Backingband und voll auf Ticket. Es ist ein einziger Taumel im psychotischen Schwindel - und es ist fantastisch! Steigert sich unaufhörlich!
Dann ein plötzlicher Cut und eine fast trötende Bassfigur, wie ein Beduinentango. Das Schlagzeug treibend, es läßt auch an eine Wüstenwanderung denken. Mit "Next Time see you at the Dalai Lhama" (5:58) ja dann auch völlig passend betitelt . Und weiter brodelt der Freie Krauteintopf. Und sein Nährwert ist für jeden Fan von spacigem Rock gigantisch. Die Themen sind nicht sonderlich komplex gestrickt; die Klänge machen hier eher den Irrsinn aus. Aber auch ganz besonders die schiere Konsequenz, mit der diese drei Verrückten hier die Hütte abreissen. Vielleicht sind sie ja eher kosmische Anarchos... Eine irre Platte bislang! Der Song geht mit einer Geräuschkulisse zu Ende, die sehr an einen Basar aus dem Morgenland erinnert. Wobei ich wetten würde, dass sie dies selbst mit skurrilen Effekten "künstlich" erzeugt haben. Genial...
Danach kommt dann "Ufo" (10:25). Es startet mit einem leisen Dröhnen, welches entweder mit einem mißhandelten Cello oder mit einer kaputten Turbine erzeugt wurde. Weitere absonderliche Tongespenster zucken dazwischen herum. Klangkaskaden türmen sich weiter auf und schwellen auch wieder ab. Respekt, für diese Klänge! Sie stammen allesamt aus Gitarre, Bass und Percussion (ok, plus einfache Effekte). Was sie damit anstellen und welche starken und fordernden Bilder sie damit malen, dass ist schon einzigartig. Eruptiv, Intensiv und völlig entrückt und fremdartig. Ich finde es total entspannend. Es klingt wie ein geistesgestörtes Spiegelbild von Tangerine Dreams "Zeit". Es ist organisch und geerdet und dennoch völlig durch den Wind! Und das verrückteste daran - es geht den ganzen Track lang. Irre, experimentell und wunderschön... Ein Freakfeuerwerk... zum Schluss dann etwas wie entspanntes Wassergeblubber und ein hölzerner, alter Kahn, der quietscht.
Zuguterletzt "Der LSD - Marsch" (8:29), der anfängt, als hätte man "Atom Heart Mother" zehnfach hochdosiert; in "substanzieller" Hinsicht...
Zähe Basstöne, eine fragil-kosmische Gitarre, Flötengezwitscher aus dem Nirgendwo. Dann der hypnotisierende Beat von Mani und die Stratocaster wird zur völlig bedröhnten Ur-Black Sabbath-ausgeburt. Dark Downers in the Sky with Diamonds. Wohl der einzigste Song auf Erden der Josh Homme und den Krautrock perfekt liiert. Ein gniedeliges Supersolo steuert die fliegende Untertasse wieder auf der Erdboden zurück und hinterläßt uns in etwa folgendermaßen: Noch nie wurden coolster Schweinerock und abgedrehteste Spaceexperimente so schlüssig miteinander verschmolzen. Ein Album das man lieben muss. Ein Krautklassiker!!!
Cover:
http://mani-neumeier.de/guruguru/gur..._ufo_gross.jpg
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Bröselmaschine - Same
BRÖSELMASCHINE - SAME (1971)
Dies ist also die Band um Peter Bursch, den "Gitarrenlehrer der Nation", dessen Bücher sich in utopischen Mengen verkauft haben und über die mal ein luschtiger "Gitarre und Bass" Redakteur schrob: "Jeder im Land hat sich mit diesen Büchern das Gitarrespielen beigebracht, sogar Peter Bursch selbst" 
Ich hatte selbst jahrelang keine Vorstellungen davon, wie Peter Bursch denn als Gitarrist nun wohl klingt. Erst letztes Jahr entdeckte ich das Debut von Bröselmaschine, um das es hier geht, und ich war nicht nur überrascht, sondern auch überaus begeistert, von seinen Fähigkeiten, aber auch dieser tollen und völlig unterschätzen Gruppe. Die Mitglieder lebten übrigends in einer "Kommune" in Duisburg, welche zu großen Teilen auch auf einer musikalischen Vision begründet war, und welche wohl eher Friede-Freude-fröhlichen Charakter besaß und bei weitem nicht so extrem veranlagt war wie beispielsweise Amon Düül. Das hört man der Musik auch an. Sie ist harmonisch, schön und wenig "bedröhnt". Hier sind Bröselmaschine:
Aufgenommen 1971 bei Dieter Dierks, handelt es sich hier um eine R.U. Kaiser-Produktion auf dem Pilz Label.
"Gedanken" (5:06) beginnt kurz wie "If you could read my mind" um dann in eine wunderschöne, gezupfte Gitarrenfigur hineinzumünden. Traurig mischen sich Stimmen dazu. Erst eine männliche, sehr intensive, die dann später perfekt mit einer fragil-klagenden, weiblichen Stimme verschmilzt. Sehr versiert!
Eine andere Akustikgitarre wirft virtuose Noten in diese Klanglandschaft und wird kurzum von einer langen elektrischen Improvisation abgelöst, die sehr viel Raum schafft, Feel verbreitet. Und wieder setzen die schönen Gesänge ein und zelebrieren diesen Song (übrigends auf Englisch). Zum Abschluss nochmal einen Spot für die Westerngitarre, die solieren darf und das Lied neigt sich langsam dem Ende zu.
Es folgt "Lassie" (5:06) /Trad. steht in Klammern dahinter. Die Interpretation der Nummer erinnert an britische Folkies wie z.B. Pentangle oder Fairport Convention (allerdings ohne Schlagzeug); der Song selbst eher an ein irisches Traditional. Dann wird das Ganze plötzlich mit einer schönen E-Gitarre aufgepeppt; der E-Bass tönt auch sehr charakterstark und erinnert ein bißchen an Colin Hodgkinson. Und wieder die völlig zeitlosen mehrstimmigen Gesänge und am Schluss noch eine ganz kurze Steigerung, die an fröhliche Volkstänze der Insel erinnern. Eine sehr schöne, runde Sache!
Track 3 heißt "Gitarrenstück" (2:03) und beginnt mit einem liebevoll-atmosphärischen Picking. Eine Frauenstimme, als Klangfarbe, kommt hinzu und klingt nach weitläufigen Naturgefühlen, aufgenommen in einer Kirche. Ein sehnsüchtig-nachdenkliches Kleinod, welches durch ein lockeres Solo dezent aufklart und wieder in die Anfangsstimmung zurückkehrt.
Fortgesetzt wird dies von "The Old Man´s Song" (5:26), welcher mit einem leicht progressiven Anfang aufwartet, um dann in eine sehr intensive Ballade umzuschwenken, die mit absolut großartigster Tiefe verzaubert. Jenny Schücker hat eine wundervoll-ätherische Stimme, die einfach berührt.
Vor dem inneren Auge laufen wunderschöne Bilder ab.
Sie schenken dem Song auch noch ein leicht angefreaktes, cleanes Wahwah-Gitarrensolo; man wundert sich ein bißchen, dass man keine Drums vermisst. Alles ist perfekt so, keine Frage, aber es könnte auch ganz anders sein, rockiger. Doch die "freie Luft" in den Songs betont das Feingliedrige umso mehr. Diese Stärke braucht keine Dezibel um sich zu beweisen.
Nanu, sind wir plötzlich in India? "Schmetterling" (9:31) beginnt mit einer perfekten Illusion und in dem Moment als sich Tabla und Tambura zu den Sitarklängen mischen, wird man skeptisch. Das klingt ja fast schon zu perfekt! Wie haben sie das denn hingekriegt? Einen Augenblick später mischt sich eine sonore Akustikgitarre dazu und es klingt wie Jimmy Page (open Tuning) mit Ravi Shankar in Session. Aber original!!! Hut ab! Und was dann: Ein Rezitat von Jenny auf Deutsch. Von Schmetterlingen, Transformationen, Wandlungen, Inkarnationen... Wow, das ist wirklich sehr schön und "intelligent" gemacht und klingt dennoch keine Sekunde kopflastig. Eindringlich und schlüssig werden Traditionen miteinander verwoben. Eine paradiesische Holzflöte spielt plötzlich auf und tanzt mit der Sängerin, und völlig kitsch- und klischeefrei; alles bleibt empfunden und stark geerdet. Und man läßt den Song hübsch weiterfließen und knüpft den Klangteppich weiter. Bass und Mellotron tauchen auch kurz am Horizont auf. Kommen und gehen wieder. Und langsam löst sich ein sehr schöner Longtrack auf.
Bröselmaschine sind sehr untypische Krautrockvertreter, da sie sich teils sehr "traditioneller" Klänge bedienen. Aber in ihrer freien Art, sämtliche Strömungen miteinander zu verquicken, passen sie wiederum perfekt in jene nonkonforme Geisteshaltung.
Das finale Stück heißt "Nossa Bova" (8:06) und beginnt wie Simon and Garfunkel Ballade meets Shakti 
Es folgt ein fundierter Soloexkurs, der eine schwungvollere Seite offenbart und ein wenig an Baden Powell, stark modernisiert, erinnert. Dann kommt die Jenny wieder dazu. Wie eine Duisburger Ausgabe von Astrud Gilberto klingt sie hier, und dies ist keinen Deut negativ zu verstehen. Auch hier der spröde-sexy Charme, der sogar mit Dilettantismus zu kokettieren scheint und mit mächtig german Undertones angereichert wird. Mit allerlei exotischem Instrumentarium versucht man dem "Nossa" keine Schande zu machen und bleibt ihm krautig im Nacken. Noch einmal die entrückte Flöte aus dem Garten der Liebe, nebst kunstvollen Gitarrenclustern, und das arg eigenwillige, schräge Experiment ist mehr als nur geglückt. Mit dem denkbar verrücktesten Ansatz sind sie tatsächlich in das Zentrum des Wesentlichen gelangt. Und das gilt für diese komplette herzallerliebste Scheibe hier, die auf den ersten Blick, ach, so unprätentiös daherkommt. Ein stilles und stimmungsvolles Juwel!
Cover:
http://www.broeselmaschine.de/discographie.htm
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Kraftwerk - 2
KRAFTWERK - 2 (1971)
Kraftwerk gingen 1970 aus der äußerst experimentellen Gruppe "Organisation" (dazu noch eine separate Besprechung) hervor, die 1968 zusammenfand. Mit dieser Umbenennung ging auch die Inbetriebnahme ihres eigenen "Kling Klang Studios" einher. Nachdem sie ihr Debutalbum, samt "Ruckzuck" in den Charts plazieren konnten, schaffte es auch jenes, dynamisch deutlich reduzierte, Nachfolgewerk immerhin auf Platz 36. Soviel zur damaligen "Fantreue", die viele, im Anschluß, sicherlich erstmal aufkündigten. Es dürfte nicht viele Platten gegeben haben, die so wenig chartskompatibel waren, wie Kraftwerks Zweite.
Vor der Rezension einen kurzen Kommentar von Gründungsmitglied Ralf Hütter:
"Wir waren die erste Nachkriegsgeneration in Deutschland, zu einer Zeit die weniger von zerbombten Häuser geprägt war, sondern eher von einer Desorientierung innerhalb der deutschen Kultur. Aber das war eine große Gelegenheit, denn wir begannen bei Null, es gab keine kontinuierlich fortgesetzte Tradition. Wir hatten diese Vorstellung die 'elektronische Volksmusik' zu erschaffen, wie der Volkswagen, etwas Populäres."
Öffnen wir den elektronischen Zauberkasten. "Kling Klang" (17:36) beginnt mit allerhand Zimbeln, Xylophonen, Gongs und dem dezenten Einsatz von Tongeneratoren wie eine meditative Spieluhr, die nach etwa 2 Minuten in einen ruhigen Beat mündet, wie ein entspannter Pulsschlag. Wie LoFi-Kammermusik zu der sich eine fast gehauchte Querflöte mischt. Spontan erinnert mich das an die genial-monotonen Faust Kollaboration mit dem NYC Dream Syndicator Tony Conrad. Allerdings eher mit der Ambient Ästhetik von Brian Eno. Auffällig, dass die Gruppe hier verstärkt mit Vari-speed experimentiert. Die Bänder werden dezent beschleunigt und verlangsamt; ähnlich der Vorgehensweise von "NEU!", kurze Zeit später. Nach etwa 11 Minuten ein Break, der das Tempo runterfährt, in dem nun ein "Working-Beat" auftaucht, der von Tom Waits oder den Neubauten stammen könnte, wären sie esoterisch unterwegs. Der Rhythmus zeichnet die Trans Europa Route schon ganz zaghaft vor. Dann eine erneute plötzliche Kursänderung. Funky schrammelnder, analoger, Elektronenkrautbeat, in dem sich auch der Geist mancher Neutöner und Avantgardisten verirrt hat. Kraftwerk spielt Rock´n´Roll. Witzig, wie geschmackvoll sie ihre Klangquellen entfremdet haben; eine Menge Assoziationen und Eindrücke werden erzeugt.
Es folgt "Atem" (2:57) ein wörtlich zu nehmendes Geräuschexperiment, welches glücklicherweise nicht zum stumpfen Selbstzweck verkommt, sondern tatsächlich atmet und immer noch faszinierend klingt. Vielleicht keine Musik im klassischen Sinne, aber für offene Gemüter eine spannende Erfahrung (könnte man bestimmt auch gut samplen und weiterverarbeiten).
Das nächste Stück heißt "Strom" (3:52) und klingt zuerst wie eine elektrische Gitarre durch einen Synth gespielt. Total zermatscht und mit herrlichem, analogen, Gebratzzel. (Radiohead taten ähnliches auf Kid A und Amnesiac)
Dann eine andere Sequenz - Wie Filmmusik klingt das jetzt, als hätten Kraftwerk "Nosferatu" von Popol Vuh mit Ennio Morricone verrührt. Schaurig, meditativ, schön, melancholisch. Eine sehr seltsame Mischung: Als würden Portishead oder auch Sigur Ros von bösen Geistern, aus der Zeit der Inquisition, heimgesucht. Dennoch sehr entspannend 
Danach dann "Spule 4" (5:20) welches sehr sonderbar mit ganz tiefem Bass und seekranker E-Gitarre einläutet - "Tortoise" maritim und wodkatrunken. Dann eine Überleitung. Verfremdete Saitengeräusche, wie eine ächzender alter Kahn, die dann jedoch vermehrt in experimentelle Gefilde abdriften. Man generiert hemmungslos Klang. Futuristisch und mit Stilbewusstsein. Das Ergebnis ist ambivalent und schwer kategorisierbar, aber nicht nervenaufreibend. Mann kann dabei entspannen, auch wenn es eine schräge Methode ist; aber es wirkt.
Unbemerkt findet ein Übergang statt. "Wellenlänge" (9:40) bedeutet zunächst einen nahtlosen Fluss, der sich lediglich durch eine Science Fiction Slidegitarre unaufdringlich hervortut. Ansonsten ähnliche Atmosphäre wie zuvor, die aber wieder als Song bezeichnet werden kann; dennoch sehr fließende und schwer greifbare Klang-Koordinaten. Die Gitarre erinnert an "People are People" von Depeche Mode, die Kraftwerk auch als Einfluß bezeichnen. Man beschleunigt das Tempo und es wird richtig flockig. Es dürfte nicht viele Songs oder Alben dieser Art geben. Die Grenzen zwischen entspannter Klangmalerei und Songstruktur verwischen permanent. Diese Aufnahmen sind sehr schwer zu einzuordnen, was ich als Leistung empfinde. Man muss die Platte so seltsam nehmen wie sie daherkommt, als Klangerlebnis. Zerpflücken läßt sie sich nicht wirklich.
Den "versöhnlichen" Abschluss macht "Harmonika" (3:17). Tangerine Dream covern Freddy Quinn, könnte man darüber frotzeln. "Amazing Grace" schwingt auch mit und die unendliche See. Aber Kraftwerk sind auf ihre Art zu cool um albern zu wirken. Man hat ja oft den Can-Stockhausen Vergleich, aber hier ist diese Verschmelzung vielleicht am allerdeutlichsten vollzogen worden. Ob absichtlich, ist gar nicht so leicht zu beantworten. In jedem Fall ist dies eine der speziellsten Angelegenheiten im Kontext Kraut. Aber auch eine der Schönsten, wie ich finde. Sicher beschränkt konsensfähig, doch ein Klangabenteuer der ganz besonderen Art, wenn man sich damit identifizieren kann.
Cover:
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